Freunde fürs Leben

Foto: Key Visual, Photodisc

Eine große Ausstellung im Museum für Kommunikation beleuchtet alle denkbaren Aspekte der Freundschaft und fragt die Besucher, was sie selbst für Freunde sind.

Einer der wichtigsten Gedanken zum Thema steht gleich am Anfang. Nämlich bei der Frage, was Freundschaft überhaupt ist. Dazu gibt es viele Antworten, heißt es auf einer hölzernen Schautafel. Und zwar in Literatur, Geschichte und Forschung. „Vor allem aber“, und das ist die wichtige Aussage, „in der eigenen Lebenserfahrung.“ Damit ist der zentrale Punkt in der Auseinandersetzung mit diesem Thema genannt: Freundschaft ist so einzigartig und unterschiedlich wie die Menschen, die darin manchmal lebenslang verbunden sind. Und sie folgt Regeln, die nur diese Menschen für sich selbst definieren und befolgen können.

Mit „Like you!“ hat das Museum für Kommunikation eine große Rundumschau zur Freundschaft zusammengestellt. Ein Schwerpunkt liegt darin naturgemäß in den sich verändernden Freundschaftstechniken in Zeiten der scheinbar grenzenlosen und manchmal auch maßlosen Kommunikation, vom Eintrag ins Poesiealbum bis zur Kurznachricht im Messenger. Die Besucher bekommen unzählige kultur- und kommunikationshistorische Einblicke in das Thema – und einige Gedankenanstöße, um die eigenen Freundschaftsbiographien zu überdenken.

Am Anfang ist der Aufbau, wohl vom Ideal der Kinderfreundschaft inspiriert, didaktisch wie für eine Kita. Mit Kärtchen und allerlei Klapp- und Aufschreib-Spielen kann man sich spielerisch der Frage annähern, welche Freunde man hat, wo und wie sie zu Freunden geworden sind und worin die Freundschaft sich konkret ausdrückt. In den nachfolgenden Räumen wird das Thema zunächst ins Abstrakte erweitert. Es geht um die hehren Ideale von Völker- und Gastfreundschaft und

den Stellenwert der Letzteren in den Weltreligionen. Erst danach findet das Thema zurück zu dem Ort, wo Freundschaft am häufigsten ihre Wurzeln hat. Nämlich im Zentrum des alltäglichen Lebens. Eins der faszinierendsten Exponate ist eine schlichte, achtteilige Fotoserie.

Sie zeigt fünf Amerikaner, die sich 1982 nach dem Schulabschluss in einem gemeinsamen Urlaub angefreundet haben und seither alle fünf Jahre ein dort entstandenes Gruppenbild nachstellen. In den diffusen Veränderungen der Gesichter und Haltungen – der schüchterne junge Mann aus den Achtzigerjahren schaut 2017 als kerniger Kerl mit Rockerbart selbstsicher in die Kamera, der jugendliche Draufgänger hat plötzlich melancholische Gesichtszüge – kann man ablesen, was im Kern einer tiefen Freundschaft steht: die Bereitschaft, mit dem anderen Wandel und Veränderungen zu bewältigen, immer wieder neue Räume in der eigenen Biographie gemeinsam zu betreten, einander in neue Lebenskapitel zu begleiten und sich in Umbrüchen nicht aus den Augen zu verlieren.

Spannend wird es auch da, wo der Übergang von Freundschaft zu Liebe ausgelotet wird. Auf diskreten Kärtchen können Besucherinnen und Besucher anonym ihre persönlichen Erfahrungen preisgeben. Erfahrungen wie „Wenn einer mehr möchte, zerbricht irgendwann die Freundschaft“ teilen wohl viele Besucher. „Bester Freund. Cousin. Liebhaber“ weist da schon auf eine eher seltene dramatische Verwicklung hin.

Darum herum gruppiert sind viele Exponate aus dem Bestand des Museums – alte Telefone und Handys, kleine Zettelchen, wie man sie früher zwischen Schulbänken wandern ließ, Poesiealben der Großeltern. Doch all das zeigt eher Instrumente von Freundschaft als ihre Inhalte. Freundschaft ist ein Gewebe aus Gefühl, Verhalten und Zeit. Das lässt sich kaum mit Objekten und Worten erfahrbar machen. Gerade an den Stellen, wo die meisten Gegenstände, Schautafeln und Gedankenanregungen geboten werden, wirkt „Like you!“ darum manchmal ein wenig leblos. Zum Glück sind diese drei Schulkinder, die kichernd in den Ausstellungsräumen herumtoben. Im Moment vertreiben sie sich hier bloß die Zeit. Doch vielleicht wird daraus eine Erinnerung, die sie noch in 50 Jahren verbindet – wie sie zusammen an einem regnerischen Vormittag im Herbst 2019 in irgendeiner Ausstellung mit lauter Holztafeln und bunten Kärtchen herumgelungert sind und sich bestens amüsierten. Denn das ist eines der prägendsten Merkmale von Freundschaft: dass man gemeinsam Alltägliches erlebt und einander über Jahre immer wieder gemeinsam und mit Freude davon erzählt.

Susann Sitzler

 

Information
„Like you! Freundschaft digital & analog“,
Museum für Kommunikation, Leipziger Straße 16, Mitte.
Di 9 – 20 Uhr, Mi – Fr 9 – 17 Uhr, Sa/So 10 bis 18 Uhr. Mo geschlossen.
Bis zum 5. Juli 2020

 

 

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