Kunst statt Plüsch

Das ehemalige Operncafé ist nun eine Institution für Gegenwartskunst [Foto: Deutsche Bank / Mathias Schormann] / Kunstvermittlung mit künstlicher Intelligenz [Quelle: IBM]

Im historischen Prinzessinnenpalais neben der Staatsoper Unter den Linden ist ein neuer Ausstellungsort für Gegenwartskunst entstanden – der Geist des legendären Operncafés war da schon längst entschwunden …

Das Paar ist schon etwas älter. Wohl hat es bereits den größeren Teil des letzten Jahrhunderts miterlebt. Doch noch immer sind die beiden unternehmungslustig. Heute soll es ein Ausflug ins legendäre Operncafé Unter den Linden sein. Dass es da irgendwie ganz anders aussieht, als sie es in Erinnerung hatten, scheint die beiden nicht zu stören. Freudig und mit roten Wangen sitzen die zierliche, etwas zittrige Dame und ihr noch recht rüstiger Begleiter an einem Tisch in dem gar nicht mehr plüschigen Ambiente und studieren die Speisekarte. Eine schöne Suppe für die Dame soll es sein und ein Stück Quiche für den Herrn. Formvollendet stellt der Kellner die Teller vor die beiden, rückt Brot und Gläser in Reichweite und wirkt ganz gerührt über die Lebenslust der beiden ungewöhnlichen Gäste. Sonst sitzen hier eher coole Kulturleute oder erschöpfte Touristen. Denn das Operncafé ist seit knapp einem Jahr nicht mehr das Operncafé. Diese legendäre Institution schloss 2011 für immer, das gesamte Prinzessinnenpalais neben der Staatsoper stand danach über Jahre leer. Nun ist es wieder offen – als Institution für Gegenwartskunst mit Ausstellungen, Veranstaltungen, einem gut bestückten Museumsshop und einem Museumsrestaurant in sachlicher, von stylischer Betonarchitektur und nackten Glühlampen geprägter Hipsteratmosphäre.

Eröffnet wurde das neue Kunsthaus von der Deutschen Bank. Ein paar hundert Meter weiter betrieb diese zuvor eine gleichnamige Kunsthalle, die Ende der Neunzigerjahre als „Deutsche Guggenheim“ eröffnet worden war. Wie der Vetter in New York bestach sie mit spannenden und überraschenden Ausstellungen aus allen Bereichen der Gegenwartskunst. Und mit damals für Berlin innovativen Veranstaltungen wie dem Lunch in Kombination mit einer Mittagsführung. Dieses in seiner konzentrierten Entspanntheit äußerst bereichernde Konzept wurde mit dem jeden Mittwoch stattfindenden „Lunch +“ am neuen Ort beibehalten. Zusätzlich zu den hochrangigen Ausstellungen – in diesem Sommer eine eher leichtgängige Retroschau zum Thema „Summer of Love“, bevor im Herbst die in Beirut geborene Konzeptkünstlerin Caline Aoun mit einer großen Einzelausstellung geehrt wird – finden regelmäßig Gesprächsrunden, Sonderführungen und Feierabendveranstaltungen statt.

Seit 2014 gehört das gesamte Gebäude dem Vorstandsvorsitzenden des Springer-Verlags, der es vom britischen Architekten David Chipperfield umbauen ließ, um es dann an die Betreiberin zu vermieten. Das Engagement im unverdächtigen Kunstbereich ist eine bewährte Strategie für Großunternehmen, um Sympathie in der Bevölkerung zu schaffen und gelegentlich den Blick von problematischeren Geschäftsbereichen – im Fall der Deutschen Bank etwa das ausgeprägte Engagement für die nicht immer ganz durchsichtigen geschäftlichen Interessen von Donald Trump – wegzulenken. Zunehmend wehren sich Künstler selbst gegen diese Praxis. Wie man als Publikum dazu steht, muss jeder Besucher, jede Besucherin für sich selbst entscheiden. Für diejenigen, die es in Ordnung finden, dass Geld aus möglicherweise umstrittenen Geschäften in kulturelle Institutionen fließt und damit für eine breite Öffentlichkeit Zugang zur Kunst geschaffen wird, ist das Palais Populaire auf jeden Fall ein gelungener, auch architektonisch erfreulicher Ort.

Für das ältere Paar am Nebentisch, das eigentlich nur wieder einmal Rast im Operncafé machen wollte, sind die Neuerungen ganz offensichtlich gut zu verkraften. Ein bisschen Aufwand hat es die hochbetagte Dame zwar gekostet, die ganze Suppe eigenhändig auszulöffeln. Doch jetzt sind ihre Lebensgeister neu erwacht. Unter dem amüsierten Blick ihres Begleiters ruft sie den Kellner herbei und bestellt glatt noch Nachtisch – und zwar ein ordentliches Stück Torte. Schließlich ist sie genau dafür hierhergekommen.

Susann Sitzler

 

Information
Palais Populaire, Unter den Linden 5.
20.6. bis 28.10.2019 „Summer of love:
art, fashion, and rock and roll“.
Geöffnet Mi bis Mo 10 bis 19 Uhr,
Do bis 21 Uhr. Dienstags geschlossen.
www.palaispopulaire.de

 

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