Kietzkultur

Abb.: natcha29/fotolia

Die Kinoszene wächst in Berlin. Besonders interessant sind die Programmkinos. Winterzeit ist Kinozeit. Im richtigen Film ist das Qualitätszeit. Christian Berg, der Kinobeauftragte des Medienboard Berlin Brandenburg, setzt hinzu: „Nur im Kino ist Kino wirklich richtig Kino.“ Die Berliner Kinos zählen nach den rückläufigen Besucherzahlen im Vorjahr wieder mehr Zuschauer. So ist es nur folgerichtig, dass derzeit kaum Filmtheater schließen in der Stadt, im Gegenteil, sogar neue aufmachen. Wie unlängst das Delphi Lux am Bahnhof Zoo. Sonst nirgendwo gibt es so viele und so interessante Kinos. „Sie bereichern die kulturelle Vielfalt der Stadt ungemein“, so Christian Berg. Rezepte, um erfolgreich zu sein, sind die Digitalisierung, ein besonderes Programm und die Verankerung im Kiez. Die Betreiber verleihen dem Kino ihren persönlichen Stempel. Sie sind oftmals persönlich anwesend und beraten in Filmfragen. Kinoketten können das nicht leisten. An dieser Stelle sollen einige dieser kleinen feinen Kinos vorgestellt werden, wohl wissend, dass die Auswahl einigermaßen willkürlich erfolgte. So sind die Außenbezirke etwas zu kurz gekommen, denn auch dort gibt es tolle Kinos – so das Union in Friedrichshagen und den Blauen Stern in Niederschönhausen.


Central, Mitte

Dieses Kino ist mit dem dazugehörigen Hof eine Seltenheit im schmuck aufpolierten Stadtteil Mitte. Auch der Kino-Schriftzug Central ist ein Relikt aus vergangener Zeit. Touristenscharen pilgern das ganze Jahr über durch diese Gegend. Ein reines Kiezkino kann das Central, genauso wie das Kino in den Hackeschen Höfen, deshalb nicht sein. Die Kreuzberger Moviemento-Betreiber Iris Praefke und Wulf Sörgel haben auch das Central unter sich. Als Programm-Verantwortliche halten sie geschickt die Balance zwischen hohem Anspruch und Wirtschaftlichkeit. Cineastische Seltenheiten haben hier ebenso ihren Platz wie ein attraktives Kinder- und Familienangebot.

Rosenthaler Str. 39, 10178 Berlin


Eva Lichtspiele, Wilmersdorf

Der sehr besondere geschwungene Neonschriftzug an der Fassade allein ist Legende. Wenn er einmal defekt ist, fragen die Kinobesucher nach. Über 100 Jahre alt ist dieses Kino. Auch der Zweite Weltkrieg konnte ihm nichts anhaben. Seit über zehn Jahren betreibt Karlheinz Opitz das Eva. Opitz ist ein Cineast, der einst das Freilichtkino an der Treptower Lohmühle bespielte. Sein Publikum gilt als schon etwas älter und gebildet. Etwas Besonderes gibt es jeden Mittwochnachmittag. Dann zeigt Opitz von der Rolle alte Filme aus den 30er und 40er Jahren. Ein Hauch von Nostalgie durchweht dann das traditionsträchtige Kino.

Blissestr. 18, 10713 Berlin


Filmkunst 66, Charlottenburg

Dieses Kino in der Bleibtreustraße ist seit 1971 eine Arthouse-Institution. Seinerzeit übernahm Franz Stadler, ein Pionier der Programmkino-Szene, das Haus. Freunden des anspruchsvollen Programmkinos galt es anfangs als Geheimtipp. Bald gaben sich aber auch internationale Stars hier die Klinke in die Hand: Dennis Hopper, Jack Nicholson, Liv Ullmann, Pedro Almodóvar, Wim Wenders, Vanessa Redgrave und  Rainer Werner Fassbinder. Seit 2011 betreiben die Berliner Filmproduzentinnen Tanja und Regina Ziegler das Kino. Sie haben es von Grund auf renoviert und umgebaut. Neben dem regulären Programm laufen auch immer wieder thematische Festivals, darunter ein Western-, Zeichentrick- oder ein  Fantasy-Festival. Auch Kurzfilme sind regelmäßig zu sehen.

Bleibtreustr. 12, 10623 Berlin


Cosima, Friedenau

Schon 80 Jahre existiert das Kino Cosima in Friedenau. Ein kleines Kino mit 170 Sitzplätzen und viel Charme. Lothar Bellmann führt mit seinem Kino einen der ältesten Familienbetriebe Berlins. Mit Erfolg, wie er betont. Einst hatten die Bellmanns sechs Kinos in der Stadt. Das Cosima zeigt die Filme oft als sogenannte „Nachläufer“, also wenn sie in anderen Kinos schon etwas länger laufen. Das Publikum schätzt die zentrale Lage Nähe Bundesplatz, die nostalgische Atmosphäre und dass es bei moderaten Eintrittspreisen kaum Werbung gibt.

Sieglindestraße 10, 12159 Berlin


Klick Kino, Charlottenburg

Seit 2004 gab es an diesem traditionsreichen Standort am Stuttgarter Platz keinen Kinobetrieb mehr. Bis Claudia Rische und Christos Acrivulis das Klick im April diesen Jahres wieder wach geküsst haben. In ihrer Ankündigung schreiben sie: „Wir zeigen unterhaltsam-anspruchsvolle Filme, die sonst nicht oder wenig auf den Berliner Leinwänden zu sehen sind. Und auch den Vorfilm lassen wir aufleben!“ Den Vorfilm, fast hätte man vergessen, dass es ihn einst gab. Täglich laufen zwei Filme, um 18 und 20 Uhr. Am Wochenende kommen Kinderfilme dazu. Außerdem haben die beiden Filmgespräche, Premieren, Filmreihen und Sonderevents im Programm. 

Windscheidstraße 19, 10627 Berlin


Wolf Kino, Neukölln

Eigentlich war dieser Stadtteil cineastisch nicht unterversorgt. Trotzdem sind alle froh, dass es jetzt auch noch das Wolf Kino gibt. Wo früher ein Bordell war, machte die Filmenthusiastin Verena von Stackelberg ein modernes Eckkino auf. Mit Hilfe von Freunden und Crowdfunding. Gleich mit der Eröffnung wurde es Berlinale-Kino. Besser konnte der Start nicht laufen. Außer als besonderes Kino, das neue Wege gehen will, versteht sich das Wolf auch als Gesprächsort. Hier kann man sich an der Bar treffen oder sogar Mittag essen. Immer Dienstagvormittag gibt es Kino für Mütter und Väter mit Babys, „die trotz der Kleinen nicht auf das Kinoerlebnis verzichten möchten“, so die Betreiberin.

Weserstraße 59, 12045 Berlin

 

Karen Schröder

 

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