„Die Berliner sind so abgehärtet“

Lisa Klabunde [Foto: Lisa Stern]

Lisa Klabunde ist das neue Mädchen in „Linie 1", dem legendären Erfolgsmusical des Grips-Theaters. Mit der neuen Spielzeit ist die junge Schauspielerin auch festes Mitglied im Ensemble.

Da kommt eine junge Ausreißerin aus der Provinz nach Berlin, um ihren Freund, einen Rockstar, zu suchen. Sie steigt in die U-Bahn, „Linie 1“, lernt alle möglichen Typen kennen, ist verstört und verstörend mit ihrer Naivität. Sie bringt Leute zusammen, provoziert Handlungen, die ohne die Provinznudel, nur „Mädchen“ genannt, so nie stattgefunden hätten. Ein  legendäres Stück, mit vielen kleinen Geschichten in der Geschichte, und mit ebenso hinreißenden Songs. Volker Ludwig, Erfinder des Grips-Theaters hat es geschrieben und Birger Heymann die Songs komponiert.  „Linie 1“ ist das langlebigste Erfolgsstück des Berliner Grips-Theaters –  gut  1800-mal stand es seit seiner Uraufführung  1986 auf dem Spielplan. Und die „Linie 1“ ist und war in aller Welt – von Griechenland bis Südkorea – und  auch in der Provinz unterwegs. Wird von Schülertheatern  und bei Open Airs  von München bis zur Insel Usedom gespielt.

Und doch, der Ruhm vergilbte auf dem Papier, wenn er sich nicht in jeder Vorstellung beim Publikum erneuern würde.  Und das tut er. Dietrich Lehmann ist der einzige Gripsler, der seit der ersten Vorstellung dabei ist – und immer als „Hermann“ und „Witwe Agathe“.  Um ihn herum veränderte sich ständig alles. Das neue „Mädchen“ in „Linie 1“ , mit dem er es seit dieser Spielzeit zu tun hat, heißt Lisa Klabunde und wurde vier Jahre nach der Uraufführung in Leipzig geboren.

Sie kommt, wie ihre Figur, aus der Provinz, wie sie selbst sagt. Seit April 2018 gehört sie zum Ensemble des Hauses. Lernte zuvor das Schauspielerhandwerk an der Theaterakademie Vorpommern auf Usedom, spielte acht Jahre am Theater Rudolstadt.  Sie ist ein wenig rumgekommen, in der Provinz.

Sie gleicht das Berliner Uralt-U-Bahn-Movie mit dem realen Leben ab. „Da gibt es neben normalen Leuten Betrunkene, Bettler, Menschen deren Blick starr aufs Handy, manchmal auch die Zeitung,  gerichtet ist. Die Berliner sind so abgehärtet“, sagt sie. Sie ist der Typ junge Frau, der man durchaus, wie dem „Mädchen“ zutrauen würde, dass sie beim Einsteigen in die Bahn „Guten Morgen“ sagt.  Das tue sie zwar nicht,  aber es stimme auch nicht, wie man ihr gesagt hatte, dass man mit dem Menschenschlag hier nicht ins Gespräch komme. Die Leute sind durchaus auch herzlich. Ihre Beobachtungen entsprechen der latenten Aktualität des Stücks.

Lisa Klabundes Ausbildung  an der Theaterakademie in Zinnowitz begann fast mit einem Fehlstart. Sie kam zu spät zur Aufnahmeprüfung – auf die Züge in der Provinz ist weniger Verlass als auf die U-Bahn. Aber Wolfgang Bordel, Gründer der Akademie, erkannte offenbar gleich:  „Diese zart und verletzlich wirkende Schauspielerin betrat die Bühne und man hatte das Gefühl, die Welt wird in Ordnung kommen. Sie hat viel Kraft, kann große Gefühle spielen und ist wohl immer optimistisch.“  Es folgte Open-Air-Theater und später die Rolle von Shakespeares Julia. „Theater lernt man nur am Theater“, sagt Lisa Klabunde.  Handwerk, Theorie und viel Praxis sind für sie die Erfolgsmischung. Und man lernt zu wiederholen und dabei frisch zu sein, wie zur Premiere. „Ohne 36-mal Vineta hätte ich 64-mal Schneewittchen in Rudolstadt nie geschafft.“ 

In Rudolstadt  startete sie durch und hatte beachtlichen Erfolg, als widerborstiges Gretchen in „Faust I“ machte sie über die Grenzen Thüringens hinaus Furore. „Ein Hochenergie-Girlie, das sich ungestraft von abgehalfterten Gruftis (Faust) flachlegen lässt“, schrieb „Theater der Zeit“.  

Aber Lisa Klabunde brauchte mehr Input und hatte irgendwie das Gefühl, in der Provinz am Leben vorbeizuleben. Klar ist es schön, wenn die Zuschauer nach einer Vorstellung gut gelaunt nach Hause gehen, sagt sie. Aber ist es das schon, ist das der Sinn meiner Arbeit? Hier am Grips glaubt sie ihn gefunden zu haben. Politisch engagiertes Theater für Kinder und Jugendliche, so wie es beim Grips seit seiner Gründung vor 50 Jahren auf den Fahnen steht. Mit ihrer ersten Premiere „Phantom  (Ein Spiel)“ war sie denn auch mittendrin im politischen Theater. Ein Stück über Klischees und Rollenzuweisungen im Zuge der Flüchtlingswelle. Lutz Hübner und Sarah Niemetz, Stammautoren des Hauses, haben es geschrieben und Petra Zieser, die zur Uraufführungsbesetzung von „Linie 1“ gehört,  hat es inszeniert. Das Haus scheint nicht müde zu werden, Stücke auf die Bühne zu bringen, die bewegen – und zwar über den Theaterabend hinaus.  Das passiert nicht mehr so oft in der deutschen Theaterlandschaft.  Dem Grips gelingt es.

Martina Krüger

 

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