Ich liebe alte Obstbäume im Winter

Nadja Uhl in ihrer Rolle als Tanja Bartko im 11. Spreewaldkrimi [Foto: © ZDF/Hardy Spitz]

Nadja Uhl war die Hausdame in „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“ und die Löwenmutter in „Dschungelkind“. Als Terroristin Brigitte Mohnhaupt im Film über die RAF hat sie genauso überzeugt wie als Altenpflegerin Nike in „Sommer vorm Balkon“. In ihrer Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit zählt Nadja Uhl zu den herausragenden deutschen Schauspielerinnen. Filme, in denen sie mitspielt, bleiben lange im Gedächtnis. Für ihre Arbeiten hat sie viele Auszeichnungen erhalten, unter anderem die Goldene Kamera als beste deutsche Schauspielerin. Am 26. November ist sie zum zweiten Mal im ZDF-Spreewaldkrimi zu sehen.

In „Tödliche Heimkehr“ erben Sie den Hof Ihres Vaters und kehren voll Energie und mit großen Plänen nach zehn Jahren in den Spreewald zurück, um ein Hotel mit Spa-Bereich zu bauen. Es ist ein Film über Liebe, Scheitern, Neid und Missgunst. Wie gefällt Ihnen der Spreewald als Drehort?

Den Spreewald habe ich eigentlich erst über die sehr schönen Dreharbeiten wirklich entdeckt. Die verwunschenen Orte, an denen wir im Morgennebel standen, oder das Lichtspiel der Sonne in den Fließen, waren magisch. Es gibt die normalen Orte, die das Alltagsleben bedienen, und im nächsten Moment landet man in einer Naturlandschaft, die vollkommen zeitlos wirkt. Es war faszinierend.

Sie sind bekannt für Ihre Vielseitigkeit. Ob Terroristin oder fürsorgliche Altenpflegerin. Welchen Einfluss haben Rollen auf Ihr eigenes Leben?

All diese „Ladies“ waren Gäste in meinem Leben, deren Besuch langweilig, überflüssig, spannend, herausfordernd, liebevoll, tragisch, komisch, beglückend und bereichernd sein konnte. Allgemein aber erfüllen die Rollen mich mit Dankbarkeit, weil ich durch sie etwas kennenlernen und erforschen kann, was ich selbst so vermutlich nie wäre oder leben würde. Oder die Rollen geben mir Raum, sie so mit meiner Persönlichkeit zu füllen, dass sie über sich selbst hinauswachsen und ich etwas über mich und über das Leben lerne. Ich hab die ganzen Mädels schon sehr gern. (lacht)
 
Wann wussten Sie, dass Sie Schauspielerin werden wollen?

Gewissheit hatte ich mit 14 oder so. Die Leiterin meiner Theatergruppe des Stahl- und Walzwerkes Hennigsdorf, Frau Zimmermann, fragte mich, ob ich das nicht zum Beruf machen möchte. Meine Antwort war nur eine Frage von Sekunden. Vorher hatte ich schon seit Jahren eine unbändige Spielfreude. Und bei Theater– oder Kinobesuchen erfasste mich eine dermaßen unermessliche Sehnsucht, die mein kleines kindliches Herz teilweise für Stunden und Tage vollkommen aus dem Gleichgewicht im überschaubaren DDR- Alltag brachte.
 
Ihre Töchter sind jetzt neun und 12 Jahre alt. Wollen sie auch Schauspielerinnen werden oder doch lieber Blogger und Influencer?

(lacht) Klingt irgendwie immer nach seltenen Krankheiten für mich, nein im Ernst. Ich bin eher old school. Die Kinder haben zur Zeit noch kein Handy und dürfen nur nach Absprache ins Internet über LAN. Aber sie können seltsamerweise dennoch alles elektronische Wissen sofort abrufen. Wenn ich Schwierigkeiten mit meinem Laptop habe, hilft mir meine große Tochter. Und die Kleine geht spielerisch mit irgendwelchen Kinderprogrammen um. Sie zieht es auch auf die Bühne, ganz deutlich. Ich habe den Eindruck, dass der Lebensansatz der beiden dennoch ein anderer ist, als Influencer oder Blogger zu werden. Und wenn ... dann hab ich das auch zu akzeptieren.

Sie können sich Ihre Rollen aussuchen und drehen einen Film nach dem anderen. Wie hart arbeiten Sie dafür?

Wenn ich eine Rolle zusage, bin ich wirklich mit sehr viel Freude, Liebe und Feuer dabei. Ich liebe es, mich in dem jeweiligen Sujet zu tummeln und vor lauter schönen nächtlichen Ideen nicht einschlafen zu können. Ich muss immer meine Selbstzweifel überwinden und mein Gefühl, mich eigentlich gar nicht für jedermann entblößen zu wollen. Aber sobald eine neue Dame, sprich Rolle, im Spiel mein Herz erobert, ist alles egal. Diese Leidenschaft versteht nicht jeder und umso schlimmer ist es, wenn die Arbeit nicht beseelt ist. Wenn alles vorbei ist, geh ich einfach nach Hause. Je nach Arbeit, erlöst oder erfüllt.
 
Sie drehen gerade in „The Wall“, ein Dreiteiler des ZDF, über das Ende der DDR und die neu aufkommende Umweltbewegung. Wie wichtig finden Sie das Thema?

Meine Töchter haben gerade im Unterricht kleine Wandzeitungen über Mikroplastik, Meeresverschmutzung, sterbende Tiere und diese elenden Kreisläufe angefertigt. Ich habe sie angebettelt, sich für ein „leichteres“ Thema zu entscheiden. Nun, sie sind unbeirrbar, wie ich. (lacht) Es war über Wochen Thema, gerade, wenn man auf den Reisen für unsere Drehorte, das weltweite Drama, wie z. B. mit Plastik vollkommen verseuchte Strände, sterbender Urwald etc. mit eigenen Augen sieht. Aber auch auf die Frage, wie der „kleine Patzer“ mit der Glyphosat-Verlängerung passieren konnte, haben wir noch keine beruhigende Antwort gefunden. Wir versuchen unseren befreundeten Bauern, mit Respekt vor seiner Arbeit, dennoch davon zu überzeugen, dass er im Kleinen etwas ändert und dass er nicht mehr mittendrin in seinem eigenen giftigen Sprühnebel sitzt und wir hinterher etliche tote Hummeln und Bienen im Ferienhaus haben. Das passt alles sinnbildlich sehr gut zum generellen Umgang mit dem eigenen Bewusstsein als waches Mitglied einer Gesellschaft. Das Bewusstsein war vor 30 Jahren die Basis für das Erwachen der Menschen in der DDR und wird es jetzt wieder sein. Unser Film ist hoch aktuell.
 
Sie haben einmal gesagt, Ihnen ist es wichtig, dass uns Erinnerungen nicht weggenommen werden. Welche Erinnerungen würden Sie gern persönlich weitergeben?

Die Orte, an denen meine Fami­lien­geschichte geschrieben wurde. Die uns, in unserer Kindheit, Geborgenheit gaben. An denen wir uns begegnet sind, die Gerüche, das einfallende Licht, die Liebe, die uns verband, das laute fröhliche Lachen der Erwachsenen in den Räumen, das Sirren der elektrischen Kaffeemühle und der Kaffeegeruch, unser Kindergeschrei, das Stimmengewirr im Haus und die Trauer des Abschieds, das Zerbrechen der Hoffnung in einem totalitären System und die Warnung davor. Keiner dieser Orte existiert mehr.
 
Wo entspannen Sie sich in Potsdam und Berlin, wenn nicht zu Hause?

Es klingt vielleicht seltsam, aber es reicht mir, stundenlang in Bäume oder in den Himmel zu schauen. Egal wo ich bin. Ich liebe alte Obstbäume im Winter. Überhaupt kahle Baumkronen im Winterhimmel. Oder eine Kiefer in einem Sommerhimmel, der endlich mal wieder dicke weiße Barockwolken hat. Ich liebe das trockene Gras im Kiefernwald im Altweibersommer oder den Geruch von Sommerregen. Der Geruch des Herbstes, wunderbar. Das Geräusch der Schwalben im Sommer, obwohl die deutlich weniger werden. Die Zeitlosigkeit all dieser Eindrücke macht mich glücklich.

Danke für das Gespräch.

Barbara Sommerer

 

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