Freiheit ohne Vergleich

[Foto: Edgar Nemschok]

Parkour ist boomender Trend in Berlin. Bis zu 6 000 halten sich auf diese Art unter freiem Himmel in Bewegung

Der Skoda-Kombi mit dem Kennzeichen aus dem Landkreis Barnim fährt plötzlich langsamer, kommt kurz darauf zum Stehen. Der Fahrer schaut fasziniert durch seine Windschutzscheibe, wie im Parkhaus nahe dem Berliner Gesundbrunnen-Center ein junger Mann eine Betonsäule erklimmen will.

Auf der Höhe von etwa zweieinhalb Metern springt er wieder zur Erde, geht ein paar Schritte zurück, läuft mit Anlauf auf die Säule zu und klettert erneut. „Völlig verrückt“, murmelt der Autofahrer, sieht sich aber beim Weiterfahren noch einmal neugierig nach dem Kletterer um, sodass er das nebenan auf einem dünnen Metallgeländer balancierende Mädchen gar nicht bemerkt.

Alex Gauck sind irritierte Blicke oder Bemerkungen schon vertraut und lassen ihn milde lächeln. Der 31-jährige Berliner ist Parkour-Trainer und spricht in nahezu allen seinen Erklärung von „wir“ statt „ich“, weil er die stets wachsende Schar der Parkour-Freunde als große Familie bezeichnet. „Als ich diese Art der Bewegung für mich entdeckt habe, da machten das in Deutschland vielleicht so 30 Leute und in Berlin fünf. Bei heute 5 000 bis 6 000 kann man das durchaus als Boom oder Trend bezeichnen“, sagt er.

Den Begriff Sport mögen die Traceure, wie sie sich wegen des französischen Ursprungs nennen, nicht so gern. Denn es fehlt im Gegensatz zu allen anderen Sportarten die Möglichkeit des Vergleichs im Wettkampf. „Darum geht es uns überhaupt nicht“, sagt Trainer Gauck, der deswegen auch Benotungen seiner Schützlinge ablehnt. Parkour schildert er als Fortbewegungsart ohne Hilfsmittel von einem Punkt zum anderen, ohne dabei die künstlichen Hindernisse zu umgehen. Die aus vielen neueren Filmen bekannten Sprünge über Mauern, Zäune, Autos und allerlei anderes im Weg ist dabei aber nur die halbe Wahrheit. „Ich kann zwei Stunden nur an einer Bordsteinkante trainieren. Wenn ich noch ein Geländer daneben habe, reicht mir das für einen ganzen Tag.“

Trotz der familiären Gemeinschaft sind die Parkour-Läufer reine Individualisten. Es gibt keinerlei Vorgaben, jeder trainiert nach seinen Möglichkeiten. Man schätzt selbst ein, ob und wie man über eine bestimmte Mauer springen, wie lange auf einem dünnen Geländer balancieren oder eben eine Betonsäule nach oben rennen und klettern kann. Das vermeintliche Springen über Autos oder Stromschienen der S-Bahn ist tabu. „Ganz wichtig ist bei uns der Respekt. Nicht nur gegenseitig, sondern auch vor dem Eigentum anderer. Wir machen nichts kaputt“, erzählt Alex Gauck. Na klar, es gibt auf jedem Friedhof unzählige Grabsteine, in ganz Berlin Hunderte Denkmäler und auf Parkplätzen Tausende Autos – doch kein Organisierter aus der Parkour-Szene wird sich dort mit seinem Hobby blicken lassen.

Darauf legt das knappe Dutzend Trainer von Pfeffersport größten Wert. „Wir haben 14 Trainingsgruppen Parkour, wo sich um die 200 Kinder, Jugendliche und Erwachsene bewegen“, erklärt Elisabeth Franke. Die 31-Jährige war selbst begeisterte Teilnehmerin, koordiniert nach der Geburt ihres Kindes die Aktivitäten in Berlins größtem Kinder- und Inklusionssportverein derzeit vom Schreibtisch aus. „Als gemeinnütziger Verein freuen wir uns, dass wir immer mehr engagierte Frauen und Männer als Trainer gewinnen können. Uns geht es darum, möglichst viele Menschen in Bewegung zu bringen und ein faires, wertschätzendes Miteinander zu vermitteln ohne das im Sport übliche ‚höher – schneller – weiter‘. Das betrifft nicht nur Parkour, sondern auch die anderen Aktivitäten unserer rund 4 800 Mitglieder bei Pfeffersport.“ Wichtig dabei ist, dass Parkour eine Bewegung ist, die so gut wie keine materiellen Grundlagen voraussetzt. Dabei kommt keiner in Markenklamotten, locker und zweckmäßig ist Trumpf.

„Klar, die Industrie hat Parkour längst entdeckt und es gibt spezielle Ausrüster. Aber“, und Alex Gauck zeigt in die Runde dieser Übungseinheit, „bei uns ist das nicht an der Tagesordnung.“ Als Trainer legt er eher Wert auf Abweichung vom Normalen. Statt dem üblichen Aufbau vom Aufwärmen über die Sprünge, Balance, das Arbeiten an der Mauer und der Kraft lockt er seine Schützlinge in den täglichen zwei Stunden mit Spielen und spielerischen Elementen. Dabei versammelt er die Jungs und Mädchen mal im Parkhaus, mal auf Spielplätzen oder in der Parkanlage – je nach Wetter und Licht. „Das macht unheimlich Spaß. Ich war als Kind so hyperaktiv, dass meine Eltern mir ein Klettergerüst in der Wohnung aufgestellt haben. Nun kann ich mich draußen austoben“, schildert der 13 Jahre alte Lewin, der schon seit viereinhalb Jahren bei Pfeffersport aktiv ist. Altersgrenzen gibt es im Parkour nicht. Der jüngste Teilnehmer ist acht Jahre alt. Doch Alex Gauck erzählt auch von einem 70-Jährigen, der sich beim Treppensteigen vor Stürzen fürchtete. „Er fing mit Parkour-Training an, ganz sachte, immer ein kleines Stückchen mehr. Seitdem geht er die Stufen rauf und runter, ohne ans Geländer zu fassen.“ Man müsse sich selbst richtig einschätzen und wissen, wann man seine Leistung ganz dosiert steigern kann.

Das hat der Trainer, der eine eigene Firma besitzt und auch noch als Sportlehrer arbeitet, selbst erlebt. „Mein Werdegang ist schon ein bisschen verrückt“, gibt er zu. Als Siebzehnjähriger sei sein Hobby die Couch gewesen, dort fernzusehen und nebenbei den Magen zu füllen. Um die 100 Kilo habe die Waage für ihn angezeigt, als er beim Blick aus dem Fenster im Stadtbezirk Wedding einen Jungen gesehen hat, der über Parkbänke sprang. „Das will ich auch können“, habe er gedacht und sich langsam an Bewegung in der Natur herangetastet. Seine Fitness, sein Bewegungsdrang und die heutigen 63 Kilo bezeugen den richtigen Weg. „Ich kann es mir gar nicht mehr vorstellen, rumzusitzen und den Mund zu füllen. Ich muss raus in die Natur und mich bewegen.“ Seit zehn Jahren bereits arbeitet er als Trainer, ist seit fünf Jahren bei Pfeffersport, leitet Seminare zu Parkour. „Das Tolle ist, dass viele, die einmal gekommen sind, dabeibleiben. Von meiner allerersten Traingsgruppe vor fünf Jahren beispielsweise sind alle noch hier“, sagt er und reicht einem seiner Schützlinge, der sich einen blutigen Daumen zugezogen hat, ein Pflaster. Verletzungen allerdings sind bei Parkour äußerst selten. „Jeder soll sich selbst beurteilen und mitkriegen, dass Selbstüberschätzung nicht geht.“ Es gibt kein Gut und kein Schlecht, der Wettkampf widerspricht der Idee von Parkour. „Wir wollen uns sicher bewegen, Ängste überwinden, bei jedem Wetter in der freien Natur sein und das Gefühl der Freiheit leben“, sagt Alex Gauck die Philosophie.

Hans-Christian Moritz

 

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