Berliner Bühnen

Berlin ist bekannt für seine lebhafte Bühnen- und Unterhaltungsszene. Nicht nur die großen Häuser setzen dabei Maßstäbe. Auch in der kleinen Form haben zahlreiche Berliner Theater die gesamte deutschsprachige Kleinkunstszene nachhaltig geprägt. Vor allem in der Zeit nach der Wende wurden neue Formen etabliert und einige Neugründungen der Neunzigerjahre prägen die Bühnenlandschaft und den speziellen Sound der Stadt bis heute. Doch die ganz besondere Mischung aus hintergründiger Comedy, poetischem Variété, zeitgenössischem Chanson und glamouröser Show hat auch längst schon in anderen Städten ihre Fans gefunden. Einige besonders beliebte Beispiele für die typische Berliner Mischung aus Unterhaltung, Poesie, Spektakel und Augenzwinkern – die man fast immer an gemütlichen Tischchen genießt – stellen wir hier vor.

 

Wilde Artistik im Chamäleon


Chamäleon Theater in den Hackeschen Höfen [Foto: Andy Phillipson]

„Neuer Zirkus“, was ist das nochmal genau? Eine Entwicklung in der modernen Artistik, die immer noch das Publikum fassungslos darüber machen will, was Zirkuskünstler allein durch Körperbeherrschung, Eleganz, Wagemut und Originalität an unglaublich erscheinenden Kunststücken vollbringen können. Doch anders als der traditionelle Zirkus setzt die moderne Form weniger auf die klassische Abfolge einzeln dargebotener Kunststücke und herkömmlicher Ästhetik. Stattdessen will sie mit den Mitteln der Artistik Geschichten erzählen. Weniger Clowns, mehr Poesie könnte das Motto sein. Auf diese moderne Form der Bühnenkunst baut das legendäre Chamäleon Theater in den Hackeschen Höfen inzwischen seit ein paar Jahren und setzt auch damit wieder Maßstäbe.

Schon mit seiner Eröffnung 1991 – als eine der ersten neuen Spielstätten in altem Gemäuer Ostberlins – begann das Chamäleon Kleinkunstgeschichte zu schreiben. Unter der Leitung des anarchischen Clowns und Bühnenurgesteins Hacki Ginda machte sich das stimmungsvolle Jugendstiltheater einen Namen für unkonventionelle und ästhetisch anspruchsvolle Unterhaltung, die nicht in erster Linie das große Geld scheffeln, sondern das Publikum verzaubern wollte. Mit einem bunten Programm aus Variété, Konzerten und Kabarett gelang das über viele Jahre. Doch an einem Touristenbrennpunkt wie dem Hackeschen Markt steigen die Erwartungen der Gäste an sensationelle Erlebnisse rasch. So wechselte das Chamäleon unter neuer Leitung 2004 seine Farbe und setzt seither auf den Neuen Zirkus. Jetzt kommen hier Berliner und Besucher wieder zusammen, um sich von den dramatischen, manchmal rebellischen und immer spektakulären modernen Spielarten der zeitgenössischen Zirkuskunst den Atem nehmen zu lassen. Natürlich, wie es sich gehört, an kleinen Tischchen mit Getränken und Speisen vor und nach der Show.

 

Stars in Concert: Eine Show wie Berlin


Elvis-Show im Estrel in Neukölln [Foto: © cbimages.eu]

Das Megahotel Estrel im äußersten Winkel Neuköllns ist typisch Berlin: Ein bisschen schrill und ein bisschen brav, ein bisschen schräg und für die unterschiedlichsten Besucher ein Vergnügen. Eine Steigerung dieser Atmosphäre bietet die Tributeshow „Stars in Concert“. Seit über zwanzig Jahren kann man im nebenan eigens dafür eröffneten Festival Center an kleinen Tischchen in glitzernder Atmosphäre fast jeden Abend einem halben Dutzend internationaler Stars und Acts von Tina Turner über die Blues Brothers bis Bette Midler zujubeln. Oder jedenfalls Showprofis aus der ganzen Welt, die ihnen zum Verwechseln ähnlich sehen, stimmlich mindestens ebensoviel zu bieten haben – und es ebenso wie die Originale verstehen, die beliebtesten Songs der Musikgeschichte mit Charme und Leidenschaft vorzutragen. Neben den bunten Shows mit verschiedenen Stars, die immer wieder wechseln, gibt es auch Programme, die sich ganz einem einzigen Thema widmen wie etwa der Klassiker „Thank you for the music – die ABBA-Story“ oder das Programm „Elvis‘ Favorite Gospel Songs“. Ein Besuch im Estrel ist darum nicht nur für Berlintouristen so etwas wie ein Ausflug in ein perfekt organisiertes Paralleluniversum der Stadt. Auch eingesessene Berliner können mit einer Spritzfahrt nach Neukölln ein paar Atemzüge Las Vegas-Entertainment tanken. Und weil bei „Stars in Concert“ für zwei Stunden die Regeln der Realität außer Kraft gesetzt sind, wirbeln mit Buddy Holly, Aretha Franklin oder Amy Winehouse manchmal sogar Showgrößen über die Bühne, die im wahren Leben schon längst die Reise ins Jenseits angetreten haben – und die man bei der anschließenden Foto- und Autogrammrunde trotzdem nochmal ganz lebendig und aus der Nähe kennenlernen kann.

 

Bar jeder Vernunft/Tipi am Kanzleramt


Bar jeder Vernunft [Foto: XAMAX / Gestaltung: upstruct.com]

Als die „Bar“, wie sie von den Berlinern lässig genannt wird, 1992 ihr erstes Programm präsentierte, ging ein Raunen durch die Stadt: Hintersinnige Comedy und zeitgenössisches Chanson, das damals gerade einen Aufschwung erlebte, in einem historischen Spiegelzelt? Intime Konzerte auf einem abgelegenen Parkdeck im Westberliner Nirgendwo? Nur die Namen der beiden Kleinkunstgrößen und nun frisch angetretenen Theaterbetreiber Lutz Deisinger und Holger Klotzbach dürften das erste Publikum in die „Bar jeder Vernunft“ gelockt haben. Doch schon nach wenigen Shows war das besondere Ambiente Stadtgespräch: Im wunderschönen Spiegelzelt von 1912, umgeben von einem improvisierten Biergarten und in allen Einzelheiten versehen mit Witz und viel Liebe zum Detail konnte man stimmungsvolle und oft unvergesslich intensive Abende erleben. Auf der Hauptbühne und häufig auch noch im anschließenden Spätprogramm zu sehen waren noch wenig bekannte Künstler wie Die Geschwister Pfister, Désirée Nick oder die Chansonsatiriker Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn. Doch nicht nur der Ruhm der frühen Bar-Prominenz verbreitete sich bald im gesamten deutschen Sprachraum. Auch die Idee, in einem altmodischen Zirkuszelt eine neuartige, charmante und mit vielen Berlin-Klischees gekonnt spielende frische Tonart von Kleinkunst zu schaffen, fand viele begeisterte Nachahmer. Längst sind Spiegelzelte als Spielorte für Kabarett und Chanson in vielen Städten zum Standard geworden.

Typisch Berlin: Zauber der Kleinkunst im grossen Zelt

Zum zehnjährigen Jubiläum 2002 schenkte sich die „Bar jeder Vernunft“ dann mit dem „Tipi am Kanzleramt“ eine zweite Spielstätte mitten im Tiergarten. Das „Tipi am Kanzleramt“ ist ebenfalls ein Zelttheater – aber ist doppelt so groß und kommt noch ein Stück eleganter und auch etwas konventioneller daher. Auf der größeren Bühne sind immer wieder auch Artistikshows oder sogar Musicals zu sehen.


Tipi am Kanzleramt [Foto: Darek Gontarski / Gestaltung: upstruct.com]

Inzwischen selbst zu einem Wahrzeichen für die improvisationsfreudige und abenteuerlustige Kulturszene Berlins geworden, bieten sowohl die „Bar jeder Vernunft“ als auch das „Tipi am Kanzleramt“ weiterhin stets schillerndes Programm, bei dem sich an beiden Orten mittlerweile altgediente Stammgäste und Klassiker wie etwa das Musical „Cabaret“ mit überraschenden Nachwuchskünstlern abwechseln. Und noch etwas ist gleich geblieben: Wann immer es irgendjemand deutschlandweit zum Comedy- oder Chansonstar schafft, stehen die Chancen nicht schlecht, dass man davon zum ersten Mal in der „Bar jeder Vernunft“ gehört hat.

 

Staunen im Wintergarten


Der Wintergarten an der Potsdamer Straße [Foto: bduentsch@me.com]

Kein Variété-Theater in Berlin hat eine Geschichte, die so sehr mit der historischen Entwicklung der Stadt verknüpft ist wie der „Wintergarten“. Sie beginnt in der Zeit, als Deutschland noch einen Kaiser hatte und auf der Bühne des Wintergartens die berühmtesten Artisten der Welt auftraten. Dann kamen zwei Kriege, den ersten überstand das Haus, den zweiten nicht. Doch auch die Entwicklung des „Wintergarten“, wie er heute an der Potsdamer Straße existiert, geht zurück in eine Epoche bedeutender Umbrüche. Im September 1992 eröffnete der österreichische Bühnenimpressario André Heller das Theater mit dem glanzvollen Namen in einem ehemaligen Jazzclub an der Potsdamer Straße. Damals war das ehemalige West-Berlin noch wenige Straßen entfernt zu Ende und das Hellersche Streben nach Poesie mit traditionellem Zirkusvariété wirkte wie ein Fremdkörper in der heruntergekommenen Gegend. Doch das war gestern.

2010 übernahm ein neues Team unter Leitung von Georg Strecker das Haus und setzt seither zunehmend auf poppige Töne, einen modernen Stil, was auch verschiedene Retrotrends wie etwa die 70er oder 80er Jahre nicht ausschließt, die eine andere Art von Nostalgie bei den Besuchern ansprechen. Und auch die Gegend um die Potsdamer Straße hat sich inzwischen mit Galerien, schicken Lokalen und eleganten Modelabels völlig erneuert. Das hinterlässt auch im Wintergarten Spuren: Ende 2017 kam es zur Zusammenarbeit mit der noblen Berliner Hutmacherin Fiona Bennet, die ihre Boutique im Haus gegenüber betreibt. Für den Wintergarten hat sie zwar nicht Kostüme designt – dafür aber eine extravagante WC-Landschaft. Und auch einen echten Wintergarten soll es demnächst wieder geben. Die Geschichte des Hauses geht also auch im 21. Jahrhundert definitiv weiter.

 

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